Screenshot: www.davidbauer.ch
Der Journalist David Bauer veröffentlichte im April seine „10 Schlüssel zu einem besseren Onlinejournalismus“. 10 Schlüssel, die ich sofort faszinierend und spannend fand. Aber immer mit der Frage im Kopf: Kann man sie wirklich umsetzen?
David Bauer kann dies nun versuchen. Bei der “Tages Woche” erarbeitet er die Online-Konzepte für dieses „Hybridmedium“, das die reine Nachricht täglich online veröffentlicht, die Hintergründe jeden Freitag aufs Papier bringt.
Diese Verknüpfung zwischen Theorie und Redaktions-Realität macht David Bauers 10 Schlüssel für einen besseren Onlinejournalismus noch interessanter – zeigt ihnen aber auch Grenzen auf.
Sehr erstaunlich finde ich den Ansatz der TagesWoche, mehr Transparenz zu schaffen:

Screenshot: www.tageswoche.ch
Auf der sogenannten Rückseite (siehe rechts) kann jeder Nutzer mit einem Klick sofort sehen,
- wann der entsprechende Artikel erstmals veröffentlicht,
- wann die letzte Änderung vorgenommen,
- welche Quellen und welche Dokumente benutzt wurden und auch die
- Artikelgeschichte wird erläutert (z.B.: „24.11., 13:51 – Artikel um die Stellungnahme von Michael Schuler ergänzt.“).
Warum geht nicht jedes Onlinemedium so offensiv mit dem Thema um? Denn das macht die Inhalte doch gleich um ein Vielfaches glaubwürdiger.
Inhalte überall veröffentlichen
Und warum hat eigentlich noch keiner David Bauers Idee umgesetzt, Inhalte „zu entfesseln“? Das ist so einfach wie genial: Mit dem YouTube-Prinzip könnten die Nutzer jeden Artikel, jede Fotostrecke, jedes Video mit einem Embed-Code überall dort einfügen, wo sie wollen – und das sogar mit der integrierten Werbung. Das geht doch über jeden Twitter- und Facebook-Button hinaus.
Scheinbar ist es aber eine technische Herausforderung, denn auch die Tages Woche begnügt sich derzeit damit, im Printprodukt einen Webcode zu veröffentlichen, mit dem jeder Printartikel „sofort online aufgerufen, kommentiert und weiterverbreitet werden“ kann. Und online gibt es nur die obligatorischen Empfehlen-, Twitter- und Google-Plus-Knöpfe, die hier aber als kleine Schieberegler daherkommen:

Screenshot: www.tageswoche.ch
Abgerückt ist David Bauer von seiner Meinung, dass die „besten Redakteure“ für online arbeiten sollten. Stattdessen sollten sie sowohl die Internetseite als auch das Printprodukt bedienen und ihre Geschichten dort platzieren, „wo sie sich am besten entfalten“. Ob sie auch dem jeweiligen Medium angepasst schreiben sollten, lässt er dabei offen. Wobei es meiner Meinung nach wichtig ist, Online-Texte anders zu organisieren, als ihr gedrucktes Gegenstück: gliedern, verlinken, Absätze einbauen und intelligente Zwischenzeilen – nur um ein paar Beispiele zu nennen.
Keine sich selbst steuernde Community
Um die Kommentare kümmern sich bei der TagesWoche übrigens die Redakteure selbst. Die Kommentare werden allerdings klassisch redaktionell freigeschaltet und nicht – wie von David Bauer in seinen 10 Schlüsseln ursprünglich geplant – über eine sich selbst steuernde Community:
„Idealerweise ist die Community [...] die lenkende Kraft der Diskussionen auf der Website. Sie ist nach einem Punktesystem in verschiedene Hierarchiestufen gegliedert, je nachdem, wie lange jemand schon dabei ist, wie viele positive Bewertungen er für seine Kommentare erhalten hat, wie vertrauenswürdig ihn andere Mitglieder einstufen. Alle Mitglieder können Kommentare bewerten, ab einer gewissen Punktzahl kann man Artikel ohne Vorabprüfung veröffentlichen, ab einer gewissen Punktzahl schliesslich selber Kommentare anderer freischalten und Diskussionen strukturieren.“
Zu guter Letzt möchte ich noch auf Schlüssel Nummer 3 eingehen: „Weg mit den Klickmonitoren“. Durch Klickmonitore entstehe ein Zerrbild dessen, was die Leute interessiere, warnt David Bauer. Und hat damit nicht ganz unrecht. Ein Unfall, ein Feuer oder ein Straßenraub sind meistens die Artikel, die am meisten geklickt werden – und sind für die Werbeerlöse unabdingbar!
Geteilt, kommentiert, geliked
Aber inhaltlich sind die Artikel wichtiger, die bei Facebook „geliked, via Twitter verbreitet, per E-Mail versandt, ausgedruckt, gebookmarked“ wurden. Dies seien die Indikatoren dafür, ob ein Inhalt tatsächlich geschätzt und für relevant befunden werde. Daher können die Redakteure der Tages Woche auch nur sehen:
„Wie oft ihre Artikel über soziale Netzwerke geteilt wurden, wie viele und wie gehaltvolle Kommentare zu ihren Artikeln abgegeben wurden, wie viele Leser direkt von ihrem Artikel aus Input an die Redaktion geben.“
http://www.davidbauer.ch/2011/04/07/onlinejournalismus-10-ideen/
Hier geht’s zur Tages Woche:
http://www.tageswoche.ch